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Veröffentlicht am 09.05.2018  Geschrieben von Redaktion

Interview mit Jörg Maywald: „Kinderrechte gehören ins Grundgesetz“

Fachkräfte sollten Kinderrechte nicht nur kennen, sondern diese auch im Kita-Alltag fest verankern. Denn Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, sie benötigen besonderen Schutz.
Meine Kita: Die neue Bundesregierung möchte die Kinderrechte in die Verfassung aufnehmen. Warum ist es das so wichtig?
Jörg Maywald: Das Grundgesetz und die Allgemeinen Menschenrechte gelten uneingeschränkt auch für Kinder, aber wir dürfen nicht vergessen, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind. Sie haben spezifische Bedürfnisse und brauchen besonderen Schutz. Beispiel sexueller Missbrauch durch Erwachsene: Auch wenn das Kind zustimmt, weil es nicht versteht, was da gerade passiert, muss es vor Missbrauch geschützt werden. Zwar ist das bereits im Strafgesetzbuch verankert, aber das besondere Schutzbedürfnis und der Vorrang des Kindeswohls müssen ins Grundgesetz. Auch die Rechte auf altersgerechte Beteiligung und auf bestmögliche Förderung sollten in die Verfassung aufgenommen werden.

Was würde sich ändern, wenn wir die Kinderrechte im Grundgesetz verankern?
Bei Entscheidungen von Gerichten und Jugendämtern hätten Richter und Behördenmitarbeiter eine klare Pflicht: Sie müssten die Interessen des Kindes mit Vorrang berücksichtigen und die Kinder anhören. Das ist heute nicht in jedem Fall verpflichtend und wird in der Praxis häufi g nicht umgesetzt. Zweitens würde sich die Gesellschaft der Kinderrechte bewusst werden. Das würde auch mittelfristig etwas an der Ausbildung der
Fachkräfte und der Einstellung der Eltern ändern.

Das Thema ist also in der Gesellschaft noch zu wenig angekommen?
Mein Eindruck ist, dass die Kinderrechte nur als allgemeines Thema angekommen sind. Fachkräfte, die meisten Eltern und selbst viele Kinder kennen sie. Rechte zu kennen, heißt aber nicht, diese auch zu verwirklichen. Davon sind wir in vielen Bereichen noch weit entfernt. Durch fehlendes pädagogisches Wissen aufgrund von Defiziten in der Ausbildung werden die Kinderrechte im Kita-Alltag oft nicht gelebt.

Und wie können Fachkräfte die Kinderrechte im Alltag leben?
Das beginnt schon bei der Begrüßung. Wenn Fachkräfte zu den Kindern sagen: „Schön, dass du da bist“, sprechen sie das Kind als Persönlichkeit an. Wichtig ist auch, sich in Kinder hineinversetzen zu können, Fehlverhalten aus Sicht des Kindes zu verstehen, die Kinderrechte zu kennen und im Alltag abzuwägen. Beispiel Zähneputzen. Das Kind möchte seine Zähne nicht putzen. Die Fachkraft kann ihm aber nicht die Zahnbürste mit Gewalt in den Mund stecken, obwohl die Kinder das Recht auf bestmögliche Gesundheitsfürsorge haben. Wichtig ist in diesem Fall, mit dem Kind ins Gespräch zu kommen, dass es schlecht für seine Gesundheit ist, wenn es seine Zähne nicht putzt.

Ein anderes Beispiel aus der Kita: Das Kind will partout nur Nudeln essen, obwohl es Suppe zum Mittag gibt. Wie sollen sich pädagogische Fachkräfte hier verhalten?
Das Kind sollte selbst bestimmen können, ob es etwas ist und wieviel und was es von dem Angebotenen
es isst. Es darf nicht zum Probieren gezwungen werden. Aber: Es kann nicht immer nur das Essen geben, das die Kinder wollen. Hier ist die Verantwortung der Erwachsenen gefragt, damit sich Kinder gesund ernähren. Die pädagogischen Fachkräfte sollten gute Vorbilder sein, gemeinsam mit den Kindern essen und über ihre eigenen Vorlieben sprechen. Zudem sollten Kinder in die Planung des Mittagessens einbezogen werden: „Was esst ihr gerne?“ „Was mögt ihr gar nicht?“ – natürlich immer unter der Berücksichtigung einer abwechslungsreichen Ernährung und finanziellen Aspekten.

Was zeichnet eine kindgerechte Beteiligung aus?
Kinder sollten über die sie betreffenden Vorgänge informiert werden, sich dazu äußern können und nicht
gezwungen werden, ihre Meinung zu sagen. Kinder können auch durch Mimik und Gestik ihre Meinung
äußern. Wichtig ist, dass die Erzieher altersgerecht mit den Kindern sprechen, respektvoll mit ihnen umgehen und ihre Meinung altersgerecht berücksichtigen.

Im Kita-Alltag kann durch personelle Engpässe oft die Zeit fehlen, Kinderrechte umzusetzen. Beispiel: Die Kinder gehen raus spielen, aber ein Kind benötigt besonders lange beim Anziehen, sodass die ganze Gruppe warten muss. Wie kann ein Erzieher damit im Stress umgehen?

Wenn die Fachkraft die Erfahrung gemacht hat, dass ein Kind länger braucht, sollte sie es früher zum Anziehen schicken und sagen: „Ich habe gestern bemerkt, dass du länger gebraucht hast, um dich anzuziehen. Geh‘ doch bitte schon einmal zum Anziehen.“ Wenn das Kind allerdings den Prozess des Anziehens durch Verweigerung absichtlich blockiert, wird diese Methode nicht funktionieren.

Und wie sollte die Fachkraft dann reagieren?
Das pädagogische Kunststück besteht dann darin, das Kind nicht zu bestrafen oder zu beschämen, sondern sachlich die sich daraus ergebenden Konsequenzen zu benennen: „Ich sehe, dass du dich nicht anziehst, dann gehst du in eine andere Gruppe, solange wir draußen sind“. Nur so werden die Rechte der Kinder, die rausgehen wollen, und das Recht des einzelnen Kindes nicht verletzt. Die Herausforderung für Erzieher besteht darin, unterschiedliche Rechte gegeneinander abzuwägen und im besten Interesse aller Kinder zu handeln.

Sieben zentrale Rechte für eine kindergerechte Kita
In der UN-Kinderrechtskonvention sind 54 Artikel zum Wohl der Kinder niedergelegt. Für die Kita sind folgende sieben Rechte besonders wichtig:
  • Recht auf Nicht-Diskriminierung (Artikel 2)
  • Recht auf Vorrang des Kindeswohls (Artikel 3)
  • Recht auf Partizipation (Artikel 12)
  • Recht auf Schutz vor Gewalt und Misshandlung (Artikel 19)
  • Recht auf Gesundheit (Artikel 24)
  • Recht auf Bildung (Artikel 28)
  • Recht auf Ruhe, Freizeit, Spiel und Erholung (Artikel 31)


Fallbeispiel:
Max isst gerne Rosinen

In der Kita von Max (4 Jahre) wird großer Wert auf gesunde Ernährung gelegt. Entsprechend den Empfehlungen der Initiative „5 am Tag“ sind vor allem Obst und Gemüse reichlich vorhanden. Zum Nachtisch gibt es häufig Obstsalat. Als sich Max wieder einmal gezielt die Rosinen zwischen dem Obst herauspickt, fordert ihn die Erzieherin auf, das Obst doch „wenigstens mal zu kosten“. Darauf Max entschlossen: „Ich will gar nicht kosten. Mir schmecken sowieso nur Rosinen“.

In dem Beispiel wird deutlich, dass Max gerne Rosinen isst. Das Obst schmeckt ihm nicht und so pickt er sich aus dem Obstsalat gezielt die Rosinen heraus. Die Erzieherin möchte, dass Max Obst isst. Vermutlich ist sie davon überzeugt, dass es der Gesundheit gut tut. Möglicherweise spielt bei ihr auch eine Rolle, dass sie es nicht fair findet, sich nur die Rosinen aus dem Salat zu picken. Sie fordert Max auf, das Obst doch „wenigstens mal zu kosten“. Die unterschiedlichen Interessen und damit verbundenen Motive von Max und seiner Erzieherin sind gut nachvollziehbar. Doch wer setzt sich durch? Und mit welchem Recht? Verbirgt sich hinter der Aufforderung, „wenigstens“ zu kosten, mehr als eine freundliche Anregung, Obst zu essen? Welches sind die Konsequenzen, wenn Max auf seiner Position besteht? Kinder haben das Recht, über ihren Körper weitgehend – abgesehen von Notsituationen – selbst zu bestimmen. Hierzu gehört auch das Recht des Kindes selbst zu entscheiden, ob und was es isst und wieviel von den angebotenen Speisen. Die für das Kind verantwortlichen Erwachsenen entscheiden über das Speisenangebot, an dem die Kinder zum Beispiel durch regelmäßige Kinderbefragungen beteiligt werden sollten. Die pädagogischen Fachkräfte können versuchen, die Kinder für die aus ihrer Sicht schmackhafte und gesunde Speisenauswahl zu motivieren. Druck oder gar Zwang auszuüben („Keine Rosinen ohne Obst“) ist jedoch nicht kindgerecht.

In dem Fallbeispiel kommt als ein weiterer Aspekt die Gerechtigkeit hinzu. Die Vorliebe von Max für Rosinen kann dazu führen, dass andere Kinder keine Rosinen mehr im Salat vorfinden, obwohl sie selbst gerne welche essen würden. Allerdings ist hier Vorsicht geboten. Denn nicht immer entspricht eine abstrakte Vorstellung von Gerechtigkeit („Jedes Kind hat Anspruch auf seinen Anteil an Rosinen“) den konkreten Bedürfnissen der beteiligten Kinder. So kann es durchaus andere Kinder geben, die gerne Obst essen, aber die Rosinen im Salat nicht ausstehen können und sich insofern Möglichkeiten des Verhandelns ergeben („Du kannst gerne meine Rosinen essen, wenn ich dafür mehr Apfelsinen bekomme“). Aufgabe der pädagogischen Fachkraft ist es, solche Aushandlungsprozesse bei Bedarf zu moderieren und darauf zu achten, dass kein Kind seine Interessen auf Kosten eines anderen Kindes durchsetzt.


Fallbeispiel:
"Das geht doch gar nicht!"

Auf einem Elternabend zum Thema Sexualpädagogik berichtet eine Mutter arabischer Herkunft, sie
habe beobachtet, dass ihre dreijährige Tochter und ein weiteres Mädchen im Außenspielbereich der Kita unbekleidet gespielt und dabei neugierig ihre Genitalien angeschaut hätten. Mit den Worten „Das geht doch gar nicht!“ kommentiert sie ihre Beobachtungen. Sie habe bereits mit anderen arabischen Eltern über den Vorfall gesprochen. Wenn die Erzieherinnen ein solches Verhalten weiterhin zuließen, würden sie ihre Kinder aus der Kita nehmen. Daraufhin meldet sich ein offensichtlich deutschstämmiger Vater zu Wort: „Mich beunruhigt etwas ganz anderes. Als meine Tochter sich kürzlich im Gruppenraum auszog, um nebenan auf die Toilette zu gehen, hat ein in der Nähe stehender Junge mit dem Finger auf sie gezeigt und gerufen: ‚Iiihhh, die zieht sich aus!‘“ Ihm sei sehr wichtig, dass seine Tochter ein natürliches und unverkrampftes Verhältnis zu ihrem Körper bekomme. In diesem Sinne sei die verächtliche Reaktion des Jungen doch wohl fehl am Platz.

In diesem Fall stehen sich auf einem Elternabend zwei Elternmeinungen gegenüber. Eine arabischstämmige
Mutter ist in Sorge, da nach ihrer Beobachtung die pädagogischen Fachkräfte zuließen, dass sich ihre Tochter und ein anderes Mädchen im Außenbereich der Kita ausgezogen und ihre Genitalien betrachtet haben. Im Gegensatz dazu ist ein deutschstämmiger Vater beunruhigt, weil ein Junge das Verhalten seiner Tochter, als diese unbekleidet vom Gruppenraum in Richtung Toilette ging, mit einem abfälligen‚ Iiihhh‘ kommentiert hat. Er befürchtet nun, dass dadurch das positive Verhältnis seiner Tochter zu ihrem Körper Schaden nehmen könne.

Aber auch die Kita muss sich Fragen stellen. Hat sie bemerkt, dass sich die beiden Mädchen unbekleidet
im Außenspielbereich der Kita aufgehalten haben? Welche Regeln sollten diesbezüglich gelten? Was genau hat sich zwischen dem Jungen und dem Mädchen im Gruppenraum ereignet und wie ist dies zu bewerten? Sind die Befürchtungen des Vaters berechtigt? Schließlich: Was kann getan werden, damit der Konflikt auf dem Elternabend nicht eskaliert und verhindert wird, dass es zu einer Spaltung zwischen den Eltern oder sogar zu Abmeldungen aus der Kita kommt?

Das Fallbeispiel zeigt, wie wichtig es besonders in Konfliktsituationen für eine Kita ist, über ein sexualpädagogisches Konzept zu verfügen, das kindgerechte Regeln enthält und dadurch den beteiligten Fachkräften ebenso wie Kindern und Eltern Handlungssicherheit verleiht. Zum Schutzkonzept einer Kita
gehört in der Regel, dass Kinder im Außenspielbereich wegen der damit verbundenen Gefahren vor allem
durch Dritte nicht unbekleidet spielen dürfen. In den Gruppenräumen können die Regeln unterschiedlich
sein. Was die abfällige Äußerung des Jungen betrifft, so sind unterschiedliche Motive denkbar. Die
Überraschung, ein Mädchen unbekleidet zu sehen, kann ebenso eine Rolle spielen wie verächtliche Geringschätzung oder auch, dass der Junge tatsächlich einen Regelverstoß bemerkt hat – wenn Ausziehen
beispielsweise nur im Toilettenbereich erlaubt ist – und seine Erkenntnis auf etwas unglückliche Weise kundtut.

Die in dem Fallbeispiel sich auf dem Elternabend äußernden unterschiedlichen Beschwerden der Eltern
müssen von der Kita sehr ernst genommen werden. Um die Privatsphäre von Kindern und Eltern zu wahren, sollten diese detaillierten Beschwerden allerdings nicht auf dem Elternabend und damit Kitaöffentlich
besprochen werden. Der geeignete Ort hierfür ist ein extra anberaumtes Gespräch, zu dem die jeweils betroffenen Eltern eingeladen werden. Der Elternabend bietet die passende Gelegenheit, den Eltern das an den Rechten der Kinder orientierte sexualpädagogische Konzept der Einrichtung und die Regeln vorzustellen.


Prof. Dr. Jörg Maywald ist Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind und Honorarprofessor für Internationale Kinderrechte an der Fachhochschule Potsdam. Er kämpft seit Jahren dafür, Kinderrechte in das Grundgesetz aufzunehmen.


Zum Weiterlesen:
Jörg Maywald
Kinderrechte in der Kita: Kinder schützen, fördern, beteiligen
Herder, 2016, 160 Seiten, 19,99 €


Foto: ZouZou / Shutterstock

 

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