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Fachwissen › Frühpädagogik
Veröffentlicht am 14.03.2018  Geschrieben von Vincent Hochhausen

Was für Kinder in der Kita zählt

Für die Studie „Kita-Qualität aus Kindersicht“ besuchte ein Forscher-Team Kitas in ganz Deutschland und identifizierte drei Faktoren, die in den Augen der Kinder eine gute Kita ausmachen.
Die Frage, was eine Kita zu einer guten Kita macht, darüber machen sich Wissenschaftler schon seit langem Gedanken. Die Perspektive der Kinder selbst wird dabei wenig eingenommen. Ein Forscherteam des Institutes für Demokratische Entwicklung und Soziale Integration unter Leitung von Professorin Iris Nentwig-Gesemann hat das nun gemacht: Im Auftrag der deutschen Kinder- und Jugendstiftung besuchten sie neun Kitas in ganz Deutschland, um zu erfahren, wie die Kinder ihren Kita-Alltag selbst empfinden und bewerten. Die Forscher ließen sich von den Kindern alle Bereiche ihrer Einrichtung zeigen und erklären, nahmen an ihrem Tagesablauf teil, spielten und führten Gespräche mit ihnen. Die Fachkräfte blieben dabei außen vor – dass die Kinder die Wissenschaftler dennoch mit „einem großen Vertrauensvorschuss, einem Höchstmaß an Unterstützung und Interesse“ begegneten, und die Kinder für sich selbst sprechen ließen, bewerten die Studienautoren bereits als Zeichen guter Qualität.

Die Forscher identifizierten aufgrund ihrer Untersuchungen drei Qualitätsdimensionen, die aus Sicht der Kinder eine gute Kita ausmachen:
  • Individualität und Zugehörigkeit
  • Kompetenzerleben
  • Autonomie und Partizipation
 
 
Beispiele für die Qualitätsdimensionen
(Auszüge aus der Studie „Kita-Qualität aus Kindersicht“ von Iris Nentwig-Gesemann, Bastian Walther und Minste Thedinga)

„Nach der Waldführung durch einige Kinder versammeln sich nun alle bei der sogenannten „Drachenschlucht“, einem steilen Abhang in zehn Minuten Entfernung von den Gebäuden. Einige Kinder spielen oberhalb des Abhanges, wo es vergleichsweise flach ist. Dort stehen auch zwei pädagogische Fachkräfte und die Forscher, die den Abhang nach unten im Blick haben. Alle anderen spielen an dem sandigen, wurzeldurchdrungenen Hang. Nachdem ein Mädchen den Abhang müh­sam hinaufgeklettert ist, legt sie sich seitlich zum Hang und hält sich an einer Wurzel fest. Sie grinst, ruft laut den Namen des Pädagogen, lässt erst das Seil mit rechts los, dann die Wurzel mit links und rollt – sich um die eigene Körperachse drehend – mit hoher Geschwindigkeit den Abhang hinunter. Unten rutscht sie ein Stück auf dem Bauch, macht noch eine Umdrehung und endet dann auf der rechten Seite liegend. Sie schaut lachend hoch zu den anderen. Kurz danach rollt sich auch ein Junge, der ihr gefolgt ist, auf dem Rücken zu der Wurzel in der Mitte des Hanges, hält sich fest und setzt sich hin. Er wendet sich zum Pädagogen, ruft laut: „Jetzt komm ich!“, lässt die Wurzel los, drückt sich mit beiden Händen von unten ab und rollt mit drei schrauben­artigen Umdrehungen um die eigene Achse den Abhang hinunter. Seine Beine streckt er dabei voraus und hebt den Kopf an, Unten angekommen wendet er sich auf dem Bauch liegend nach oben und lacht.“
 
Die Kinder erproben am Hang der „Kletterschlucht“ eine Vielzahl von Bewegungsaktivitäten: Klettern, Krabbeln, Hochziehen und -steigen, Rutschen, Rol­len, Festhalten und Loslassen. Sie schulen ihre Kör­perkraft und -koordination, sammeln verschiedene kinästhetische, akustische und visuelle Raum- und Körpererfahrungen. Im sozialen Miteinander sind sie Vorbild, beobachten und ahmen einander nach nehmen Rücksicht aufeinander. In der Konzent­ration und Intensität ihres Tuns dokumentiert sich der Charakter einer ‚Flow-Erfahrung‘: Sie nehmen die Herausforderungen der Kletterschlucht an und bewältigen sie scheinbar ‚spielend‘. In der Freude über die anstrengende Arbeit des Hinaufsteigens, die durch das abenteuerliche und lustvolle Hinabrollen und die Bestätigung durch den Pädagogen ‚belohnt‘ wird, dokumentiert sich, wie wichtig den Kindern auch ‚riskante‘ Bewegungsmöglichkeiten sind, die ihren Mut und ihr Können herausfordern.
 
Beispiel für die Dimension „Individualität und Zugehörigkeit“: Die Geburtstagswand
„Während der Kitaführung zeigen vier Mädchen dem Forschungsteam den Gruppenraum, in welchem der Mor­genkreis stattfindet und auch die Mahl­zeiten eingenommen werden. An einer Wand des Raumes hängen gerahmte Bilder der Kinder und Erwachsenen, die mit dem jeweiligen Geburtsdatum versehen sind – die Mädchen bezeich­nen dies als die ‚Geburtstagswand‘. Angehende Geburtstagskinder werden hier mit kleinen Schlossgeistern an den Bildern markiert und zudem können rote Krönchen als besondere Dekora­tion verwendet werden.

Die Kinder vertiefen sich ausgiebig in die Geburtstagswand, zu der sie durch eine davorstehende Bank jederzeit einen unmittelbaren Zu­gang haben, und lassen sich sehr bereitwillig auf ein Gespräch mit den Forschern beziehungsweise unterei­nander ein:

„Interviewer: Ok. Was ... Gibt’s an diesem Raum noch was Besonderes?
Alle: Jaaaa.
Iris: Na dann erzähl mal.
Mia/Marie/Anna: Da.
Elisa: Geburtstagswand.
Mia/Marie/Anna: Geburtstagswand.
Interviewer: Geburtstagswand?
Mia: Da steht alles drauf, wann wir Geburtstag haben.
Elisa: Bei mir ist noch kein Foto drauf, weil ich noch neu bin.
Interviewer: Ok.
Marie: Elisa. Elisa Elisa Elisa.
Mia: Marie.
Anna: Warte mal. Ich als Erstes.
Interviewer: Als Erste hast du Geburtstag?
Mia: Und da, da ist meine.
Marie: Und hier bin ich.“

Die Kinder erleben sich selbst und andere hier als Persönlichkeit wert­geschätzt und darüber hinaus als Teil einer Gemeinschaft. Die Anordnung der Bilder an der Geburtstagswand bietet den Kindern zudem eine Ori­entierung über die zeitliche Abfolge der Geburtstage, Geburtstagskinder werden mit einem roten Krönchen besonders ausgezeichnet. Da bei dem neuen Kind Elisa das Foto noch fehlt, wird ihr Name mehrmals genannt und damit auf diese Weise ihre Präsenz und Zugehörigkeit un­terstrichen. Die Fotos und die durch eine Bank ermöglichte Zugänglichkeit der Geburtstagswand ermöglicht den Kindern die eigenständige Beschäfti­gung mit der Thematik.

Die vollständige Studie sowie Zusammen­fassungen gibt es zum Download auf www.qualitaet-vor-ort.org


Foto: ISchmidt/Shutterstock

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