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Fachwissen › Frühpädagogik
Veröffentlicht am 08.08.2018  Geschrieben von Didacta Verband

„Wir dürfen die alten Fehler der Integration nicht wiederholen

Erst Integration und danach Bildung: Für neue Konzepte zur Integration und Bildung von Kindern mit Fluchterfahrung spricht sich der Präsident des Didacta Verbandes der Bildungswirtschaft und anerkannte Bildungsforscher Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis aus. „Bislang fehlt es an geeigneten Konzepten, wie dieser Herausforderung kindgerecht und politisch korrekt begegnet werden kann“, sagt Fthenakis.
Bisherige Ansätze, den betroffenen Kindern den Zugang zu den Bildungsinstitutionen zu ermöglichen und angemessene Angebote für sie bereitzustellen, gingen über das Programmatische nicht hinaus. Vereinzelte Konkretisierungsversuche beschränkten sich lediglich auf die Vermittlung von Sprachkompetenz, das heißt auf den Erwerb der deutschen Sprache. Fthenakis: „Damit wiederholt man bei dieser Gruppe Fehler, die bereits bei Kindern mit Migrationshintergrund und bei Kindern mit geringer Sprachkompetenz gemacht wurden, wie vorliegende Forschungsevidenz bestätigt.“

Fthenakis fordert deshalb ein Umdenken: nicht Integration über Bildung, sondern Bildung über Integration. „Wir müssen das Verhältnis umkehren: Erst die Kinder gut sozial und kulturell in die neue Umgebung einbetten und dann mit Bildungsangeboten beginnen“, so der Didacta-Präsident. Konkret fordert er:
  • Die Weiterentwicklung des Spracherwerbsangebots, beispielsweise durch den respektvollen Umgang und die Einbeziehung der Muttersprache und der Kultur der Kinder.
     
  • Die Einbettung der Sprachkompetenz in ein breiteres Profil von Kompetenzen. Dazu zählen individuelle Kompetenzen, die es den Kindern ermöglichen, an der Gesellschaft teilzuhaben, diese mitzugestalten und mit zu verantworten, lernmethodische Kompetenzen und der kompetente Umgang mit Belastungen und Risikosituationen.
     
  • Die Einführung neuerer didaktischer Ansätze, beispielsweise des „dialogischen Lesens“.
     
  • Die Einbettung des Spracherwerbs in einen parallel laufenden Integrationsprozess, der erst eine soziale und kulturelle Orientierung der Kinder ermöglicht. Fthenakis: „Kinder müssen erst sozial und kulturell ankommen, bevor man sie mit dem Erwerb der deutschen Sprache konfrontiert.“ Sogenannte Cognitive Maps könnten den Kindern helfen, sich in ihrer neuen Umgebung zu orientieren.
     
  • Die aktive Einbeziehung der Familie als Bildungspartner. Die Schrift „Früh beginnen – die Familie als Bildungsort“ erläutert beispielsweise ein Konzept der Sprachbildung im familiären Alltag unter Anleitung und Begleitung von Fachkräften. Dabei wird mit der erforderlichen Sensibilität und Wertschätzung der Muttersprache und Kultur umgegangen und es werden Hinweise gegeben, wie man auch die eigene Sprache in der Familie stärken kann.


Fthenakis: „Bildung und Spracherwerb sind die Schlüssel zu einer gelingenden Integration. Doch müssen wir aus den Fehlern der Vergangenheit die richtigen Schlüsse ziehen, damit die Kinder mit Fluchterfahrung und ihre Familien selbstbestimmt an unserer Gesellschaft teilhaben können, ihre Entwicklung optimal meistern und ihre soziale Verortung finden.“



Foto: Monkey Business Images / shutterstock.com

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