Anmelden
Für KitaClubber › Mein Beruf
Veröffentlicht am 22.03.2018  Geschrieben von Karin Helle und Claus-Peter Niem

Clever führen wie ein Fußballtrainer

Fußballtrainer sind Lehrer, Strategen, Motivationskünstler und Konfliktmanager zugleich. Führungskräfte können von ihnen lernen, etwa wie Worte beim Team wirklich ankommen.
Ganz gleich, ob Lehrer, Erzieher oder Leiter einer Bildungseinrichtung, das Führen von Menschen ist anspruchsvoll. Als Führungskraft muss man Multikönner und Multitasker sein. Führungskräfte müssen täglich vor­ausdenken, über sich hinauswachsen, begeistern, motivieren und dem Team Energie geben. Dabei haben sie immer den Faktor Zeit im Nacken. Oder anders gesagt: zu wenig Zeit zum Führen. Das beklagen laut „HR-Report 2014 / 2015“ des Instituts für Beschäftigung und Employability und der Personaldienst­leister Hays zumindest 79 Prozent aller Menschen in Führungspositionen, ganz egal, ob sie ein Unternehmen leiten, eine Gruppe von Menschen führen oder ein Team coachen.
 
Führungskompetenzen ausbilden
Umso erstaunlicher, dass Führungs­kompetenzen mehr denn je gefordert sind, aber kaum im Studium oder der Ausbildung gelehrt werden. Die Arbeit mit dem Menschen selbst kommt dabei zu kurz – von Präsentationstechniken über das richtige Auftreten und Kommunizieren bis hin zum Umgang mit Druck und Stress.
 
Führungskräfte wachsen gezwungenermaßen mit den Anforderungen. Sie gucken sich Dinge bei anderen ab, üben durch das tägliche Tun und können sich glücklich schätzen, wenn sie das Richtige zur rechten Zeit lernen. Führungskompetenz entsteht nicht von selbst. Aber man kann sie lernen und entwickeln. Wertevermittlung durch die eigenen Eltern steuert genauso bei wie Lehrer oder erste Chefs, Vorbilder aus der Kindheit oder Menschen, die inspirieren oder motivieren.
 
Am Institut für angewandte Psychologie in Zürich wurde nachgewiesen, dass Führungspersonen dann am erfolgreichsten sind, wenn sie über ein möglichst breites Rollenrepertoire verfügen und sich als Coach, Mentor und Inspirator verstehen.
 
Lernen vom Profifußball
Erfolgreiche Trainer im Profisport führen anders. Sie halten selten Motivationsreden, sind häufi g ruhig und bestimmt, denken strategisch – und berühren die Spieler dennoch. Trotzdem kennen Fußball-Trainer das Gefühl, dass die Spieler nicht zuhören. „Spätestens nach zehn Minuten schalten die Jungs ab“, resignierte der ehemalige Nationaltrainer Jürgen Klinsmann achselzuckend. Das Ergebnis folgt auf dem Platz: Aktionen, die ins Leere laufen, Standzeiten, Niederlagen.
 
Um die Spieler beziehungsweise Team-Mitglieder zu erreichen, ist es wichtig, von Anfang an die Oberhand zu bewahren, ruhig und bestimmt aufzutreten, für Konzentration und Aufnahmebereitschaft zu sorgen sowie kurze Informationen zu vermitteln, die ankommen und zu 100 Prozent umgesetzt werden können:
 
Energetisch und voller Spannkraft: Jedes Training steht und fällt mit dem Coach. Dazu gehört eine optimale Vorbereitung genauso wie Gestik, Mimik und Körpersprache. Gehen Sie davon aus, dass Ihr Team unbewusst alles wahrnimmt – bereits ein Blick in Ihre Augen kann verraten, wie Sie sich fühlen. Spieler spüren, ob Sie energetisch und voller Spannkraft auftreten oder ob Sie mit anderem beschäftigt sind. Handeln Sie immer im Hier und Jetzt.
 
Ruhig und bestimmt: Auch, wenn es sich für den einen oder anderen Führenden zunächst einmal befremdlich anhören mag: Hilfreich kann das imaginäre Bild eines Türstehers sein, der mit beiden Füßen fest geerdet aufrecht steht, ruhig und bestimmt klare Anweisungen gibt. Gelingt es Ihnen, mit einem gut strukturierten Konzept und einer starken Körpersprache, die nötige Ruhe und Bestimmtheit auszustrahlen, werden Ihre Zuhörer von Anfang an wachsam sein.
 
Körpersprache, Tonalität, Botschaft: Es ist in erster Linie die Körpersprache, die bei Ihrem Gegenüber ankommt und über längere Zeit in Erinnerung bleibt. Gefolgt von der Tonalität Ihrer Stimme (Betonung, Veränderung der Tonlage). Ihre Botschaften, die Sie mit Worten vermitteln möchten, bleiben dagegen am wenigsten hängen und werden meist schnell wieder vergessen.
 
In Zahlen: Nur rund sieben Prozent der gesprochenen Wörter bleiben beim Zuhörer längere Zeit im Gedächtnis, jedoch zu 38 Prozent die Tonalität der Stimme und gar zu 55 Prozent das äußere Auftreten – also Ihre Gestik, Mimik, Körpersprache.
 
Teams nehmen alles wahr. Ein aufrecht gehender Coach, geradlinig in seinem Bewegungsablauf und in seiner verbalen Botschaft, erreicht die volle Aufmerksamkeit. Tritt er dagegen energielos auf und lässt die Schultern hängen, fehlt meist auch die Kraft in der Stimme und die Zuhörer schalten ab.
 
Genaue Anweisungen: Je präziser und kürzer bestimmte Übungsformen in kleinere Einheiten zerlegt werden, desto mehr lässt sich eine Übung verbessern. Man spricht von einer „mentalen/emotionalen Konditionierung“ oder anders gesagt von Anweisungen, die das Gehirn besonders gut aufnehmen und umsetzen kann.
 
Anweisungen zur Verbesserung bestehen aus drei Teilen:
➤ Wie etwas zu tun ist (positiver Input)
➤ Wie es falsch gemacht wurde (Fehler)
➤ Wie es richtig gemacht werden kann (positiver Input)
 
In der Fußballpraxis könnte sich das so anhören:
➤ Passe den Ball mit der Innenseite des Fußes!
➤ Ball mit der Spitze getroffen! Zu tief!
➤ Ball in der Mitte treffen! Fußspitze zeigt nach außen!
 
Weniger Lob ist mehr: Anweisungen sollten sich auf pure Information und Korrektur beschränken, Lob und Kritik sind dabei zielgerichtet. Loben Sie nicht mit den Worten „Das hast du gut gemacht“, sondern loben Sie die Handlung: „Du hast den Ball sauber gepasst.“ Üben Sie Kritik, indem Sie Verbesserungsvorschläge kurz und prägnant äußern: 6 Prozent Lob, 6 Prozent Kritik, mindestens 78 Prozent pure Information.
 
Ansagen kurz und knapp: Der erfolgreiche Basketballcoach John Wooden ließ in den 70er-Jahren eine Saison lang seine Rhetorik aufzeichnen. Das Ergebnis dieser Studie: Seine Anweisungen waren im Durchschnitt nur vier Sekunden lang. Führung ist also kein Rhetorikseminar – weder in der Schule, der Universität oder auf dem Fußballplatz. Stattdessen wird eine Verbindung zum Lernenden aufgebaut, um nützliche Informationen punktgenau weiterzugeben.
 
Besser führen
Herzblut und Hingabe sollten der Antrieb sein, ein klarer Plan, eine Strategie und Fachwissen gehören zu guter Führung. Führung fordert den ganzen Menschen – Emotionalität, der Blick über den Tellerrand, Tools und Know-how in Sachen Menschenführung sind gefragt sowie die Fähigkeit, den Menschen berühren zu können. Sebastian Kehl, Bundesligaspieler bei Borussia Dortmund, sagte: „Der Trainer kann noch so ein exzellenter Experte sein – hat er keine Beziehung zu dir, nimmt er dich auch nicht mit.“
 

Türstehermentalität:
  • Körperspannung
  • Stärke zeigen
  • Ruhig atmen
  • Konzentration
  • Gute Wahrnehmung
  • Alles im Blick
  • Fokussiert
  • Wenige, aber klare Worte
 
Trainer-Sprache:
Erfolgreiche Trainer loben und kritisieren wenig. Sie legen ihr Augenmerk auf pure Information. Sie geben Informationen kurz, knapp, bestimmt und anschaulich weiter und achten dabei auf eine Abfolge von klaren Anweisungen, um ihre Spieler in die richtige Richtung zu lenken.
  • „Schnelle Pässe. Präzise spielen. Gut Marco, genau so!“
  • „Zügiger abgeben. Jetzt!“
  • „Dribbeln und sofort den Abschluss suchen!“
 
Botschaft 7 %  --  Körpersprache 55 %  --  Tonalität 38 %


Über die Autoren
Karin Helle und Claus-Peter Niem waren nach ihrem Pädagogik-, Psychologie- und Soziologiestudium über 20 Jahre als Lehrer und Schulleiter tätig. 1999 machten sie sich auf den Weg, um sich mit Trainerpersönlichkeiten über Führung in Schule und im Profifußball auszutauschen. Sie arbeiten seither mit zahlreichen prominenten Sportlern wie Joachim Löw und Jürgen Klinsmann zusammen. Weitere Infos findet Ihr hier.
 
 
Zum Weiterlesen:
Claus-Peter Niem, Karin Helle
One touch
Was Führungskräfte vom Profifußball lernen können
Campus, 2016
251 Seiten, 19,95 Euro
 
Foto: Rawpixel.com/Shutterstock
 

Teilen auf
Teilen auf Facebook
0
0
Mehr zum Thema
Weiterbildung ist für alle Beteiligten in der Kita unerlässlich und ein Gewinn. Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, sich zu qualifizieren: auf Kongressen, Fachtagen, in Seminaren - im Haus oder extern.
Kita-Leiterinnen und -Leiter fehlt Zeit für Führungsaufgaben: Elterngespräche, pädagogische Konzept weiterentwicklen und Dienstpläne erstellen. Darunter leidet die Qualität in der Kita. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung.