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Für die Praxis › Sprache & Gemeinschaft
Veröffentlicht am 14.11.2017  Geschrieben von Gerhard Friedrich

Mathematik mit jungen Flüchtlingskindern

Auch wenn Kinder mit Fluchterfahrung noch kein Deutsch sprechen, können sie mit Spielen mathematische Grundlagen erlernen. Das kann spätere Probleme in der Schule verhindern.
Mohadesa kennt das Spiel „Mensch ärgere dich nicht“ erst seit ein paar Wochen. Das fünfjährige Mädchen aus Afghanistan spielt es mit den Flüchtlingskindern Ahmed, Befrin und Mehdi. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten entwickelt sie mittlerweile Strategien, beherrscht den Zahlenraum bis sechs sicher. Das war nicht immer so. Das Mädchen, das in einer Flüchtlingsunterkunft im Schwarzwald lebt und dort wie viele Kinder wenig individuelle Förderung erlebt, konnte durch mathematische Spiele zuverlässig Schriftzeichen lesen lernen und die Zahlennamen aufsagen. Und das, obwohl sie wenig Deutsch spricht. Auch Mehdi, Befrin und Ahmed aus den Kriegsgebieten machten enorme Fortschritte.

Vorschulkindern mit Fluchterfahrungen, die über einen längeren Zeitraum in Flüchtlingsunterkünften leben, werden oft keine Kenntnisse der elementaren Mathematik vermittelt. Durch das fehlende Verständnis – besonders dem mengen- und zahlenbezogenen Vorwissen – haben sie schwächere Leistungen in der Grundschule, die sich später nur mit großem Förderaufwand kompensieren lassen. Kindern mit Fluchterfahrungen kann es beim gemeinsamen Spielen in der Kita verhältnismäßig einfach gelingen, mathematische Vorläuferfähigkeiten aufzubauen, um einen erfolgreichen Schulstart in Mathematik vorzubereiten

Welcher Zahlenweg wird der schönste? Die Aufgabe der Kinder besteht bei dem Spiel darin, den ausgelegten Zahlenweg zu verzieren. Die Zahlen von 1 bis 6 liegen auf großen weißen Blättern auf dem Boden. Auf das Blatt mit der Zahl 1 müssen die Kinder genau einen Gegenstand – eine Murmel oder einen Tannenzapfen legen – bei dem Blatt mit der Zahl 2 dann zwei Gegenstände, bis zur Ziffer 6. Bei diesem einfachen Spiel verstehen die Kinder den Zusammenhang von Zahlen, die Mengen benennen, und die, die eine Reihenfolge beschreiben.

Um das Wissen von Kindern mit Fluchterfahrung zu beurteilen, kann das Würfelspiel „Alles oder nichts“ helfen. Die Kinder teilen sich in zwei Gruppen auf und bekommen jeweils zehn Streichhölzer. Dann beginnen sie, abwechselnd zu würfeln. Die Augenzahl, die gewürfelt wird, darf der anderen Gruppe in Form von Streichhölzern weggenommen werden. Das Spiel ist beendet, wenn ein Kind keine Streichhölzer mehr hat.



Für das Fühlspiel „Greif die Zahl“ benötigen die Kinder Fühlsäckchen und Füllmaterial, zum Beispiel Cent-Stücke, Bohnen oder bunte Steine (insgesamt höchstens sechs Stück). Nun wird gewürfelt. Ohne hineinzusehen, wird dann aus dem Säckchen die passende Anzahl herausgeholt.




Beim Wäscheklammer-Spiel lernen die Kinder Ziffern- und Punktebilder in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Das Spiel lässt sich selbst herstellen: Auf Pappstreifen oder Holzspateln werden die Ziffern von 1 bis 10 geschrieben und dabei immer eine Ziffer ausgelassen. Auf 10 Holzwäscheklammern werden die Ziffern von 1 bis 10 aufgezeichnet. Dann müssen die Kinder die Wäscheklammern auf dem Pappstreifen an der richtigen Stelle anbringen.



Vor den Kindern liegen bei dem Spiel „Blumenbeete pflanzen“ sechs grüne Kästchen, die Beete symbolisieren sollen. Zudem haben sie rote und orange Blumen. Dann würfeln die Kinder. Je nach Würfelauge legen sie die Blumen. Bei einer vier werden beispielsweise vier rote Blumen und zwei orange Blumen auf die Beete gepflanzt. Dabei üben sie Zahlzerlegungen.



Zum Autor:
Gerhard Friedrich ist Diplom-Pädagoge und unterrichtete als Lehrer die Fächer Mathematik, Technik, Pädagogik und Psychologie. Er lehrt als Privatdozent an der Universität Bielefeld Allgemeine Didaktik und ist außerdem Mechaniker, Hobbymusiker, Spiele- und Buchautor sowie Vater von vier Kindern.


Fotos: Lordn / Shutterstock; Friedrich

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