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Für die Praxis › Sprache & Gemeinschaft
Veröffentlicht am 05.09.2017  Geschrieben von Redaktion

Mehrsprachigkeit: Einfach cool bleiben

Entspannter mit Mehrsprachigkeit umgehen, das wünscht sich Professorin Ingrid Gogolin. Auch im Kita-Alltag.
Unsicherheit. Verbergen. Anschwärzen. Das sind die Antworten, die Ingrid Gogolin bei einer Untersuchung in Deutschland, England, Belgien und den Niederlanden bekommen hat. „Wir haben danach gefragt, was sie empfinden, wenn die Kinder in ihrer eigenen, für die Pädagoginnen fremden Sprache sprechen.“ Viele Fachkräfte und Lehrkräfte seien verunsichert. Sie denken, die Kinder reden schlecht über sie oder die anderen Kinder. „Stimmt nicht“, sagt Gogolin. Die Studie zeigte, dass Kinder ihre Sprache vor allem be-
nutzen, um Lerninhalte zu wiederholen oder sich gegenseitig zu erklären. Dies sei „ein Schatz“.

Professorin Ingrid Gogolin ist interkulturell und international vergleichende Erziehungswissenschaftlerin an der
Universität Hamburg. Die 67-Jährige begann mit 25 Jahren, sich mit dem Thema Mehrsprachigkeit zu beschäftigen. Fasziniert war sie von Sprache schon immer. Vor ihrem Studium machte sie ein Volontariat bei der Neuen Rhein/Ruhr Zeitung und leitete eine Werbeagentur. „Was mich an der Werbung und dem Journalismus fasziniert hat, war die Sprache. Ich wollte mit ihr spielen, umgehen können.“

Nach dem Studium von Deutsch als Zweitsprache und Englisch für das Lehramt studierte sie Erziehungswissenschaft. 1991 habilitierte sie sich mit einer Arbeit zum Thema „Der monolinguale Habitus der multilingualen Schule“. In der Publikation konzentriert sie sich auf die Frage, warum einsprachiges Unterrichten so selbstverständlich ist. „Die Frage, ob man Mehrsprachigkeit gut  ndet oder nicht,
wurde erst durch die Entwicklung des bürgerlichen Nationalstaats im 18.und 19.Jahrhundert besonders bedeutend. Hier wurde die Idee geboren, dass es am besten sei, wenn die Menschen, die in einem Staat zusammenleben, auch dieselbe Sprache sprechen.“ Das war aber keineswegs die Realität. Vielmehr wurden unterschiedliche Sprachen und Dialekte verwendet. Die
gemeinsame Sprache musste also erst geschaffen werden. Unter anderem geschah dies durch die Schule und
den Unterricht. „Und irgendwann setzte sich das Emp nden durch, dass alle Menschen in einem Staat von
Natur aus eine und dieselbe Sprache sprechen.“

„Ich bin der Meinung, dass dieses Selbstverständnis der Einsprachigkeit zu sehr in unserem Bildungssystem verankert ist“, sagt Gogolin. Mehrsprachigkeit ist alltägliche Wirklichkeit in Deutschland. In den Kindergärten und Schulen lernen Kinder zusammen, die viele verschiedene Sprachen von zu Hause mitbringen. Gogolins Forschung hat zum Ziel, dass kein Kind benachteiligt wird, weil es zwei- oder mehrsprachig heranwächst. Im Gegenteil: In einer zunehmend globalisierten Welt sollten alle Kinder von Mehrsprachigkeit profitieren.

Dass das möglich ist, zeigen zum Beispiel Studien, die an bilingualen Schulen durchgeführt wurden. Die Hälfte der Kinder dort ist einsprachig aufgewachsen, die anderen zweisprachig. Der Unterricht wird in zwei Sprachen gestaltet. Die Ergebnisse sind positiv: Die Kinder lernen den üblichen Stoff genauso gut wie in einsprachigen Schulen und sie werden fit in einer weiteren Sprache. „Auch in der Kita funktioniert mehrsprachige Förderung.“
Dabei versucht Gogolin den pädagogischen Fachkräften, die Sprachen der Kinder nicht sprechen, die Angst zu
nehmen. „Man muss nicht alle Sprachen können, sondern ein Bewusstsein dafür haben, wie Mehrsprachigkeit
funktioniert, und die Gelegenheiten nutzen, die sie für das Lernen mit sich bringt.“ Sie ermuntert die Fachkräfte,
aktiv mit den Sprachen der Kinder umzugehen. „In einer Studie über Kitas in England und Schottland haben wir
ganz einfache, aber sehr produktive Beispiele erlebt. Die Fachkräfte dort laden beispielsweise Eltern dazu ein,
dass sie auf Mp3-Player kleine Texte wie Begrüßungen in ihrer Sprache aufsprechen. „Diese nehmen die Kin-
der mit in die Kita“, erklärt sie. In den Stuhlkreisen können die Kinder dann ihre Aufnahmen vorspielen und den
anderen erklären. „Man muss Gelegenheiten schaffen, dass die Sprachen der Kinder in den Kita-Alltag eingebracht werden – sodass Mehrsprachigkeit für alle normal und angenehm ist.“

Dafür gibt es viele Möglichkeiten: bilinguales Material, Poster an den Wänden, Bilderbücher, in denen man mit den Kindern lesen kann. „Silvia Hüsler, eine Autorin aus der Schweiz, macht zum Beispiel mehrsprachige
Bücher mit Geschichten oder Gedichten und CDs. Die Texte sind dreimal da: einmal in der Originalschrift, einmal in einer phonetisierten Fassung – also so geschrieben, wie sie gesprochen werden –, und einmal auf Deutsch.“ Und man kann sie auf CD anhören. „Man kann also damit arbeiten, auch wenn man die Sprachen selbst gar nicht spricht.“ Kinder müssen motiviert werden, ihre Sprachen zu gebrauchen, und man muss sie dabei unterstützen, sich als erfolgreiche Sprecher mit wertgeschätzten Sprachen zu fühlen. Das geht nicht, wenn man ihnen ihre Familiensprache verbietet. Von einem mehrsprachigkeitsfreundlichen Klima profitieren alle Kinder – auch die einsprachigen.

Foto: altanaka / Shutterstock

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